Einmal am Tag waren alle Studenten und Lehrer in der Kapelle meiner Uni versammelt. Normalerweise gab es eine Bibelarbeit, einen Missionsvortrag oder eine Gebets- und Lobpreisveranstaltung. Doch an jenem Tag im Herbst 1992 war alles anders: Eine Wahlveranstaltung für die Wahl des Präsidenten der USA stand an. Wir internationalen Studenten waren perplex, als viele amerikanische Studenten ihre Wahlschilder hochhielten und auf der Bühne mehrheitlich für eine Partei Stimmung gemacht wurde. So etwas würde es an einer christlichen Uni in Deutschland nicht geben, da waren wir Internationalen uns einig. Andere Länder, andere Sitten!

Das müssen Paulus und Barnabas auch gedacht haben, als die Einwohner Lystras ungewöhnlich auf das Heilungswunder von Paulus reagierten. Die zwei konnten natürlich kein Lykaonisch.

Viele Leute hatten gesehen, was Paulus da tat, und riefen auf Lykaonisch: „Die Götter sind als Menschen zu uns herabgekommen!“

Die Bibel. (NeÜ)

Sie verstanden nicht, was die Einwohner sagten. Erst als ihnen Kränze gebracht und Tiere für Zeus geopfert und sie angebetet werden sollten (Apg 14,12-13), fingen sie an zu verstehen. Sie erkannten, dass sie mit Zeus und Hermes, den griechischen Göttern, gleichgesetzt wurden. Ihr Entsetzen (Apg 14,14) ist deutlich: Ihr Männer, was macht ihr da? Wir sind auch sterbliche Menschen wie ihr (Apg 14,15). Andere Länder, andere Sitten!

Warum reagierten die Einwohner von Lystra so? Der lateinische Dichter Ovid erzählt in seinen Metamorphosen folgende Legende. Der höchste Gott Jupiter (römischer Name des griechischen Gottes Zeus) und dessen Sohn Merkur (der bei den Griechen den Namen Hermes trug) besuchten ein Dorf in Phrygien, einer Nachbarprovinz Lystras. Niemand, außer einem alten Ehepaar mit den Namen Philemon und Baucis, nahm sie auf. Als Strafe für die Ablehnung der übrigen wurden diese durch eine Flut mit dem Tod bestraft. Diesen Fehler wollten die Einwohner von Lystra wohl nicht machen. Deshalb verehrten sie Barnabas und Paulus als Zeus und Hermes.

Sitten und Gebräuche sollten auch anhand der biblischen Lehre überprüft werden. Da allein Jahwe als Gott angebetet werden soll, nutzen Paulus und Barnabas die Möglichkeit, auf den einzig wahren Gott hinzuweisen (Apg 14,16-17). Welche Traditionen gibt es in unserem Land, die gegen die biblische Lehre sind? Wie können wir sie trotzdem nutzen, um auf Jesus hinzuweisen?