Viele wollen ins Fernsehen kommen, ein YouTube-Star werden oder auf eine andere Art im Rampenlicht stehen. Sie wollen im Mittelpunkt stehen. Das macht vor Christen auch nicht halt. Es gibt auch Machtmenschen, Egoisten und Selbstdarsteller in der Gemeinde.
Selbst die Jünger Jesu hatten diese Neigung. So wollten Jakobus und Johannes Jesus dazu drängen, im zukünftigen Himmelreich rechts und links von Jesus, also auf den Ehrenplätzen, sitzen zu wollen (Mk 10,37).
Einmal versuchten die Jünger, einen Dämon auszutreiben, aber es gelang ihnen nicht (Mk 9,17-18). Erst als Jesus das selbst übernahm, wurde dieser Junge von den bösen Geistern befreit (Mk 9,25-27). Frustriert fragten sie Jesus: Warum konnten wir ihn nicht austreiben? (Mk 9,28). Jesus beantwortete ihre Frage:
Solche Geister können nur durch Gebet ausgetrieben werden, erwiderte Jesus.
Die Bibel. (BB)
Was meint er damit? Martin Luther definierte das Gebet als ein Reden des Herzens mit Gott. In meinem Reden mit Gott, in meinem Gebet, drücke ich meine ganze Abhängigkeit von ihm aus. Ich danke Gott im Gebet, weil er mir etwas geschenkt hat, was mir selbst unmöglich war. Ich bitte ihn für andere und mich, weil ich meine Unfähigkeit und meine totale Abhängigkeit von ihm erkenne. Ich bete ihn an, weil ich weiß, dass er Gott ist (und nicht ich!). Er ist allmächtig, ich als Mensch habe geringe Möglichkeiten. Jesus geht sogar noch weiter: Ohne mich könnt ihr nichts tun (Joh 15,5).
Das ist meine Realität: Ohne Jesus bin ich aufgeschmissen! Alle Ehrenkäsigkeit (ein großartiges Wort, das mein früherer Pfarrer oft benutzte, auch wenn es im Duden nicht vorkommt) ist fehl am Platz. Meinem Ich kann! setzt Jesus ein Nein, du nicht aber ich kann! entgegen.
Dieses auf sich selbst zentriert sein, wird schon in der Frage der Jünger deutlich: Warum konnten wir ihn nicht austreiben? Das Griechische unterstreicht dies. Der Zusatz des Personalpronomens wir wäre gar nicht nötig. Die Konjugation des Verbs austreiben macht das wir bereits deutlich. Es ging den Jüngern um sich, um ihre Kraft. Sie wollten allen zeigen, wie fromm sie sind, was sie fähig waren zu tun.
Mein mangelndes Gebet ist ein Zeichen des Kleinglaubens. Wer ernsthaft betet, erwartet alles von Jesus und nichts von sich selbst.
